Umgang der Sozialen Arbeit mit Krisen/Katastrophen – AG Workshop am 28.07.2022

Am Donnerstag, den 28.07.2022 traf sich die AG Soziale Arbeit der Hochschule München zu ihrem immer am Ende des Sommer- bzw. Wintersemesters stattfindenden thematischen Workshop.  Teilnehmende am Workshop waren sowohl Kolleg*innen der AG Soziale Arbeit als auch Studierende der Fakultät.

Das Thema des Workshops war „Umgang der Sozialen Arbeit mit Krisen/Katastrophen“. Als Gast konnten wir Herrn Prof. Dr. Rainer Treptow von der Eberhard-Karls-Universität Tübingen begrüßen, der in einem dialogischen Input verschiedene Aspekte der Thematik problematisierte.

Die Zusammenfassung der Inhalte und Ergebnisse des Workshops wurde freundlicherweise durch Herrn Roberto Beissel (Student, 2. Semester Teilzeit) übernommen! Hierfür vielen Dank! 

Angelika Iser, Norbert Schindler, Gerd Stecklina

Das Gegenteil von katastrophal!?

„Was ist der Auftrag von Sozialer Arbeit bei Krisen und Katastrophen?“

„Ist die Soziale Arbeit zu institutionalisiert und unbeweglich geworden für gute Katastrophenhilfe?“

„Wo sind die Grenzen der Sozialen Arbeit bei Krisen und Katastrophen?“

Das waren Denkanstöße mit denen Lehrende und Studierende der Hochschule München sich am 28.07.2022 zu einem spannenden und auch konträren Austausch trafen. Durch Brezn, selbstgebackenen Kuchen und Kaffee am Morgen und die Kochkünste von Prof.in Dr.in Jutta Schröten zum Mittag, war ein leckerer kulinarischer Rahmen gesetzt.  Es war ein warmer Sommertag, so dass sich die Runde schnell in den Garten des Paoso, der ökumenischen Hochschulgemeinde in Pasing, verlagerte.

Die AG Soziale Arbeit an der HM hat eingeladen. Zu Gast war Prof. Dr. Rainer Treptow (i.R.). Zu den Schwerpunkten seiner Arbeit gehören seit vielen Jahren die Themen Katastrophenschutz und Humanitäre Hilfe. Er ist sich sicher, dass die Soziale Arbeit ihre Rolle in diesen Aufgabenfeldern entlang ihrer tatsächlichen Kompetenzen mehr herausarbeiten, verinnerlichen und in die Breite tragen sollte. Als Referent führte er anhand eines kompakten und abwechslungsreichen Input-Vortrags durch fünf Themenbereiche. Diese wurden (fast) alle im Einzelnen unmittelbar im Anschluss gemeinsam diskutiert.

Es ist ihm gelungen, Katastrophenhilfe von humanitärer Hilfe klar abzugrenzen. Dabei hat er auch seine eigenen Veröffentlichungen kritisch reflektiert und die Fortschritte im eigenen Verständnis verdeutlicht.

An diesem Tag war folgende Unterscheidung essenziell wichtig. Es gibt individuelle Ereignisse, die wir als „katastrophal“ bezeichnen. Wenn wir aber über einen Katastrophenfall sprechen, dann von einer Vielzahl gleichzeitig eintretender Einzelschicksale mit einer zusammenhängenden Ursache.

Dr. Rainer Treptow bot einen guten Überblick über die Klassifizierung von Katastrophen (z.B.: naturbedingte, absichtlich oder fahrlässig menschgemachte, wirtschaftliche), die Architektur von Katastrophenschutz, Katastrophenhilfe und humanitärer Hilfe, rechtliche Rahmenbedingungen und die Einordnung der Profession Soziale Arbeit. Eine Unterscheidung der direkten (primären) und der indirekten (sekundären) Intervention ist ihm dabei wichtig. Vorrangig kann Soziale Arbeit ihre Rolle nur in zeitlich nachfolgender und räumlich entfernter Position finden. Und hier besteht großer Handlungsbedarf.

Uns allen sollte bewusst sein, dass wir von Krisensituationen und Katastrophen in Zukunft immer häufiger und direkter betroffen sein werden. Die Corona-Pandemie (weltweit), der russische Angriffskrieg (international) und das Ahrtal-Hochwasser (national) zeigen dies nur zu sehr und unmittelbar. Die Klimakrise zeigt sich, im Vergleich dazu, noch zu abstrakt, um für ein grundsätzliches und umfassendes gesellschaftliches Umdenken zu sorgen.

Gerade in den Diskussionen wurde deutlich, dass es unterschiedliche Positionen gibt, welche „Aufgaben“ oder welche Rolle die Soziale Arbeit übernehmen kann. Besonders auf eine Inkongruenz zwischen dem Anspruch, wie die Profession wahrgenommen werden möchte und der tatsächlichen Umsetzung in der Lebenswelt an der Hochschule, möchte ich noch kurz eingehen.

Student*innen haben vorgetragen, wie sie den Umgang der Hochschule mit der Krise in der Ukraine erlebt haben. Vor welchen Herausforderungen sie stehen und was sie sich von einer Hochschulgemeinschaft, die nicht nur aus Studierenden besteht, wünschen. Die teilnehmenden Student*innen sind eng mit den ehrenamtlichen Initiativen verbunden, die an den verschiedenen Hochschulen und Universitäten in München entstanden, unmittelbar nachdem Russland die Ukraine angegriffen hat.

Selbstverständlich ist ehrenamtliche Tätigkeit immer freiwillig. Jede und Jeder muss selbst entscheiden, wie, wo und wann geholfen werden kann. Im Idealfall entstehen Hilfsprojekte in Eigenregie genau dort, wo sich Helfer*innen zusammenfinden und diese Hilfe auch benötigt wird. Aber genau die Probleme der Gesellschaft im Bereich ehrenamtlichen Engagements spiegeln sich auch im Kontext der Hochschule. Davor, diese zu sehen und zu reflektieren, sollte sich nicht entzogen werden. Einfach auch, um anhand der eigenen praktischen Umsetzung, ergänzend zur Theorie, zu zeigen, wie es besser gelingen kann. Wie sich Aufgaben von wenigen Schultern auf viele verteilen lassen. Sei es als Multiplikator*in, als Anbieter*in von Raum zur Ideenentwicklung, als Dokumentar*in, als Aufklärer*in, als Ratgeber*in oder Unterstützer*in. Die „Fesseln“ eines modularisierten Studiengangs sind nicht so eng, wie es uns argumentativ manchmal ganz recht ist.

Die Vielschichtigkeit des Austauschs kann an dieser Stelle nicht umfänglich wiedergegeben werden. Viele Denkanstöße müssen fortgeführt und weiterentwickelt werden. Die Lehren aus dem Umgang mit den jüngsten Krisen können gezogen werden.

Es braucht Ideen, wie in Zukunft mit Krisen und Katastrophen umgegangen wird.

Es braucht Expert*innen für die damit einhergehenden sozialen Herausforderungen.

Es braucht ehrenamtliches und zivilgesellschaftliches Engagement, um einen Beitrag zur Verhinderung zu leisten.

Es braucht gute und professionell agierende Sozialarbeiter*innen.

Gute Sozialarbeiter*innen brauchen eine gute Hochschule, die dabei hilft, die notwendigen Kompetenzen zu entwickeln und Probleme zu erkennen und anzugehen.

Im Juli 2022

Roberto Beissel

Student 2. Semester Soziale Arbeit (TZ)

Bedarfe wohnungsloser Frauen mit schweren chronischen psychischen Erkrankungen in München. Ein Lehr- und Praxisforschungsprojekt im Studiengang Soziale Arbeit

von Ursula Unterkofler

Der Frage nach Bedarfen wohnungsloser Frauen mit schweren chronischen psychischen Erkrankungen in München gingen Studierende des Studiengangs Soziale Arbeit an der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften der Hochschule München nach. Das Lehr- und Praxisforschungsprojekt fand in Kooperation mit der Arbeitsgemeinschaft Wohnungsnotfallhilfe München und Oberbayern/Koordination Wohnungslosenhilfe Südbayern statt.

Initiierung des Projekts aus der Praxis

Das Projekt wurde aus der Praxis der Wohnungsnotfallhilfe initiiert, da dort eine konkrete Problemstellung beobachtet und artikuliert wurde: In der täglichen Arbeit in niedrigschwelligen Einrichtungen der Wohnungsnotfallhilfe wurde eine Versorgungslücke bei der Unterbringung und psychosozialen und psychiatrischen Versorgung von wohnungslosen Frauen mit schweren chronischen psychischen Erkrankungen in München festgestellt. Im Münchner Arbeitskreis der Arbeitsgemeinschaft Wohnungsnotfallhilfe München und Oberbayern „Hilfe für Frauen in Not“ wurde dies thematisiert und angeregt, den Bedarfen dieser relativ kleinen, aber deutlich unterversorgten Zielgruppe nachzugehen.

Mit dem Anliegen, eine empirische Basis für die Entwicklung von Angeboten für die Frauen zu generieren, wendete sich Stephanie Watschöder, Fachreferentin in der Koordination Wohnungslosenhilfe Südbayern, im Namen der im Arbeitskreis vertretenen Einrichtungen an mich, Ursula Unterkofler, Professorin für Methoden der empirischen Sozialforschung und Evaluation an der Fakultät. In Zusammenarbeit mit Akteurinnen der Wohnungsnotfallhilfe erarbeitete ich daraufhin ein Konzept für ein Lehrforschungsprojekt in Kooperation mit der Praxis der Wohnungsnotfallhilfe. Es fand im Wintersemester 2021/22 statt und war im Studiengang Soziale Arbeit im Modul „Forschungsprojekt“ verortet. Ziel des Forschungsprojekts war die Beschreibung der aktuellen Situation und des bestehenden Bedarfs in München für die Unterbringung von Frauen, die obdachlos bzw. wohnungslos sind und von schweren chronischen psychischen Erkrankungen betroffen sind, und die auch aus sehr niedrigschwelligen Übernachtungsangeboten immer wieder herausfallen und v.a. nicht längerfristig untergebracht und versorgt sind.

Umsetzung als qualitative Studie

Ich begleitete die Studierenden in enger Kooperation mit unterschiedlichen Praxisstellen der niedrigschwelligen Wohnungsnotfallhilfe bei der Datenerhebung. Beteiligt waren die Bahnhofsmission München (Evangelisches Hilfswerk München und INVIA e.V.), das Frauenobdach KARLA 51 (Evangelisches Hilfswerk München), die Offene Hilfe/Sonderberatungsdienst (Sozialdienst Katholischer Frauen München), der Tagesaufenthalt Otto&Rosi (Arbeiterwohlfahrt München) und die Teestube „komm“ – Streetwork (Evangelisches Hilfswerk München). Die Studierenden befragten betroffene Frauen mit Leitfadeninterviews und ausgewählte Fachkräfte der Sozialen Arbeit und Psychiatrie in Gruppendiskussionen. Die Daten wurden inhaltsanalytisch ausgewertet.

Ergebnisse: Barrieren der Nutzung von Angeboten

Insgesamt zeigt sich, dass aus Sicht der befragten Frauen vielfältige Barrieren bestehen, vorhandene Angebote zu nutzen. Zentrale Beispiele dafür sind:

  • Die Frauen benötigen einen Raum, in den sie sich von allen sozialen Anforderungen (auch von Mitbewohner:innen und Fachkräften) zurückziehen können. Doppel- oder Mehrbettzimmer sind eine hohe Belastung für sie, die sie nicht eingehen. Einzelzimmer oder eigene Wohneinheiten sind notwendig, damit die Frauen die Nutzung von Angeboten in Erwägung ziehen. Der Wunsch nach einer langfristigen Perspektive der Unterbringung bzw. des Wohnens ist sehr stark.
  • Angebote müssen niedrigschwellig zugänglich sein, das bedeutet konkret: Anonymität (auch in Einrichtungen), Unverbindlichkeit (z.B. Reduzierung von Vorgaben zu zeitlichem oder täglichem Erscheinen), flexibler Umgang mit Regeln (oft können die Frauen Regeln auf Grund von Symptomatiken nicht einhalten), sowie gute Erreichbarkeit (auf Grund körperlicher und psychischer Einschränkungen).
  • Die Frauen erleben sich hinsichtlich des Systems der Existenzsicherung und bürokratischer Bewilligungsverfahren eingeschränkt handlungsfähig. Sie sind nicht bereit, Informationen preiszugeben oder Unterschriften zu leisten, auch auf Grund erschütterten Vertrauens in Institutionen und Behörden. Dies führt zu mangelnder Existenzsicherung und Nicht-Beantragung von Leistungen.
  • Vor dem Hintergrund allgegenwärtiger Stigmatisierungserfahrungen im Kontext von Öffentlichkeit, Ämtern und Behörden, Gesundheitssystem, etc. wehren sich die Frauen gegen die Zuschreibung, „psychisch krank“ zu sein und sind sehr zurückhaltend in der Aufnahme von Kontakt zu Fachkräften. Prozesse zur Aufnahme von Arbeitsbeziehungen sind vor diesem Hintergrund äußerst zeitaufwendig, die Frauen wollen nicht angesprochen werden, sondern wollen Kontakt – wenn überhaupt – selbstbestimmt aufnehmen.

Die befragten Fachkräfte betonen darüber hinaus, dass Angebote für die Frauen vor Ort multiprofessionell aufgestellt sein müssen, da die Frauen nicht unterschiedliche Einrichtungen der Sozialen Arbeit, Medizin, Psychiatrie, Pflege etc. nutzen. Zentral sehen sie außerdem den Abbau von Bürokratie, etwa den Verzicht von Unterschriften bei Beantragung von Leistungen und die Etablierung von pauschalen Mischfinanzierungen unter Beteiligung aller Kostenträger auf Grundlage der Zuständigkeiten von SGB II, SGB V, SGB IX und SGB XII.

Ausblick

Die Landeshauptstadt München greift die Studienergebnisse auf, um diese bei der Konzipierung von in Planung befindlichen Angeboten der langfristigen Unterbringung für betroffene Frauen zu berücksichtigen (siehe Pressemeldung der Landeshauptstadt München).

Aktuell ist die Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes auf Landesebene in Bayern in Bearbeitung. Das BTHG sieht für die Eingliederungshilfe eine Antragserfordernis vor. Vor dem Hintergrund der Studienergebnisse ist dringend darauf zu achten, dass in der Umsetzung Lösungen für Zielgruppen gefunden werden, die Zielgruppen der Eingliederungshilfe sind, deren Einschränkungen bzw. (‚seelische‘) Behinderungen aber bedingen, dass sie (vorerst) keine Anträge stellen. Daran arbeitet aktuell die Arbeitsgemeinschaft Wohnungsnotfallhilfe München und Oberbayern, unter Bezug auf die Ergebnisse dieser Studie, welche sie wie oben genannt mit initiiert hat.

Der Forschungsbericht ist hier zugänglich: https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bvb:m347-opus-3870

Hier finden Sie die Pressemeldung der Hochschule München.

Ein Beitrag zur Situation der befragten Frauen wird vsl. am kommenden Samstag, den 9. Juli 2022, auf Bayern 2 in der Radiosendung Bayern 2 am Samstagvormittag ab 09.05 Uhr gesendet.

Veranstaltungen der FG Diversität und Diskriminierungskritik im SoSe 22

Die Fakultätsgruppe Diversität und Diskriminierungskritik lädt ganz herzlich zu einer Veranstaltungsreihe im Sommersemester 2022 ein.

Die Veranstaltungen wurden mit Studierenden entwickelt und geplant, die Teilnahme ist kostenlos.

Das Programm im Überblick:

  • 08.06.: Machtverhältnisse, Sprache, Verletzbarkeit. Online-Vortrag von Zara Jakob Pfeiffer
  • 24.06.: LGBTQI+ Crashkurs. Workshop für Studierende mit Sophia Lukas
  • 08.07.: Zwischen Alltag und Anschlag? – Antifeminismus und Rechtsextremismus. Perspektiven aus Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Beratung. Fachtag
  • 18./19.07.: Social justice Training. Workshop für Studierende

Informationen zu den einzelnen Veranstaltungen und zur Anmeldung finden Sie unter: https://www.sw.hm.edu/aktuelles/veranstaltung/veranstaltungsdetail_31744.de.html

Viele Grüße

Gabriele Fischer und Jan Wienforth für die Fakultätsgruppe Diversität und Diskriminierungskritik

Privatisierung der Hochschullehre- Positionspapier der AGJ

In den letzten Monaten haben wir im Rahmen der AG Soziale Arbeit auch das Thema der Veränderung der Hochschullandschaft in den letzten Jahren diskutiert. Wir möchten in diesem Zusammenhang auf eine Stellungnahme der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe aufmerksam machen.

Gerd Stecklina

Colloquium Soziale Arbeit im Sommersemester 2022

Das diesjährige Colloquium Soziale Arbeit zum Thema „Soziale Arbeit und Sozialpolitik“ setzt sich mit Aspekten der sozialen Sicherung im suprastaatlichen und bundesrepublikanischen Kontext auseinander. Hierbei werden Strukturen auf internationaler, gesamtstaatlicher wie Bundesländer- und kommunaler Ebene ebenso beleuchtet wie Fragen der Finanzierung von Sozialpolitik und Theorien der Sozialpolitik. Für die Vorträge konnten wir renommierte Kolleginnen und Kollegen aus Deutschland, Bayern und der Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften gewinnen.    

Das inzwischen 14. Colloquium Soziale Arbeit findet nach zwei Jahren erstmalig wieder in Präsenz statt. Die Vorträge selbst dauern ca. 45min, daran schließt sich die Diskussion zu den Vorträgen an.

Wir freuen uns auf Ihr Kommen, spannende Vorträge sowie auf eine rege Diskussion. Die Vorträge werden durch die Referentinnen und Referenten verschriftlicht, und erscheinen im Frühjahr 2023 als Sammelband im Verlag BeltzJuventa. Die letzten 3 Veröffentlichungen zum Colloquium finden Sie auf dem Flyer.

Gerd Stecklina

Vernetzungstreffen der Arbeitskreise kritische Soziale Arbeit vom 26.-27.11.2021

von Sebastian Lütgens, Student der Fakultät 11 (sebastian.luetgens@gmail.com)

Am Freitag, den 26.11.2021 sowie Samstag, den 27.11.2021 fand das diesjährige Vernetzungstreffen der Arbeitskreise kritische Soziale Arbeit (AKS) unter dem Thema Transformative Soziale Arbeit und Klimagerechtigkeit statt, welches digital vom AKS Braunschweig/Wolfenbüttel ausgerichtet wurde. Aus München nahmen sowohl Studierende der Sozialen Arbeit sowie der Arbeitskreis Kritische Sozialarbeit München teil. Der Auftakt der Veranstaltung wurde am Freitag mit dem Kollektiv des Konzeptwerks Neue Ökonomie im Rahmen eines partizipativen Eröffnungsabends gestaltet. Der Samstag blieb der Diskussion um die Ausgestaltung einer Postwachstumsökonomie, der Diskussion um die Kolonialität der Natur in der Sozialen Arbeit sowie der Diskussion um einer transformatorischen Sozialen Arbeit als politisches Mandat vorbehalten.

Einzelfall oder Struktur – diskriminiert der Bezirk Oberbayern systematischMenschen mit Behinderung?

von Klaus Weber

Der Bezirk Oberbayern (Sitz in der Prinzregentenstraße 14) ist als überörtlicher Träger der
Sozialhilfe für die Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung zuständig.
Leistungsberechtigt sind Menschen, die auf Grund ihrer Behinderung bzw. auf Grund der
sie umgebenden gesellschaftlichen Verhältnisse daran gehindert werden, am sozialen,
gesellschaftlichen und politischen Leben teilzuhaben. Die Eingliederungshilfe soll diesen
Missstand ausgleichen und die Teilhabe gewährleisten. In der UNBehindertenrechtskonvention
(BRK) geht es darum, dass Menschen mit Behinderung „die
volle und wirksame Teilhabe an der Gesellschaft“ ermöglicht wird (Art.3). Alle
Vertragsstaaten haben sich verpflichtet, die gesellschaftliche Teilhabe und alle anderen
Rechte (v.a. den Schutz vor Diskriminierung) umzusetzen. So weit, so – theoretisch – gut.
In der Praxis sieht dies jedoch anders aus. Bei jährlich mehr als 300 Widerspruchsverfahren
und 200 Klagen vor dem Sozialgericht ist davon auszugehen, dass der Bezirk Oberbayern
(bzw. seine Sozialverwaltung) die Rechte von Menschen mit Behinderung mit Füßen tritt:
Kürzung von Mobilitätshilfe; Nicht-Genehmigung eines dringend nötigen PKW; Eingriffe
in die Selbstbestimmung der Menschen mit Behinderung; Reglementierung und Kontrolle
privater Angelegenheiten; Verletzung des Übermaßverbots (alles muss belegt werden – bis
auf Heller und Pfennig) usw. Sich dagegen zu wehren ist schwierig. Zum einen haben
Leistungsberechtigte Angst, dass sie nach einer Beschwerde weiteren Repressionen
ausgesetzt werden; zum anderen heißt ein Gerichtsurteil nicht automatisch die Umsetzung
des dort verhandelten Urteils: Wenn es der Sozialverwaltung passt, wird ein völlig
unpassendes Gerichtsurteil als Grundlage für die Beschneidung der Rechte behinderter
Menschen gewählt, wenn diese jedoch vor dem Sozialgericht München ein
„behindertenfreundliches“ Urteil gegen den Bezirk erwirken, wird das als „Einzelfall“
abgetan und nicht auf alle Fälle der Eingliederungshilfe übertragen.
Menschen mit Behinderung sind von einem Hilfesystem abhängig, welches sie als
Bittstellerinnen und Fürsorgefälle behandelt und nicht als Bürgerinnen, denen das Recht
auf „volle … Teilhabe an der Gemeinschaft“ ermöglicht werden muss (Art.19, BRK).


Die Bezirksrät*innen Klaus Weber (Professor an der Hochschule München) und Maria
Mayr (ehemalige Studentin und Lehrbeauftragte der Hochschule München) haben Fälle von
und mit Betroffenen gesammelt und sie in Form einer Broschüre zusammengetragen und
veröffentlicht. Sie soll zeigen, dass die Sozialverwaltung des Bezirks Oberbayern die
Behindertenrechtskonvention sowie das Bundesteilhabegesetz entweder nicht zum Maßstab
ihrer Arbeit macht oder – noch schlimmer – missachtet.

Die Broschüre kann bezogen werden über dr.k.weber@t-online.de

50 Jahre Studiengang Soziale Arbeit an der Hochschule München

von Norbert Schindler

50 Jahre Soziale Arbeit an der Hochschule München – ein Grund inne zu halten? Ich meine, es lohnt sich, ein wenig zurückzublicken, auch wenn natürlich die Augen eher auf die Gegenwart oder auf die nahe Zukunft gerichtet sind.

Seit 1971 hat sich viel getan sowohl an der Hochschule als auch in der Praxis der Sozialen Arbeit. Der Fachbereich startete die Lehre an dem alten Standort der Höheren Fachschulen für Jugend- und Sozialarbeit und der Höheren Fachschule für Sozialpädagogik der Stadt München am Bogenhauser Kirchplatz.

Bogenhauser Kirchplatz 3 (Stadtarchiv München)

Mitte der Siebziger Jahre teilte sich der Fachbereich in zwei Abteilungen. Ein Teil zog in die Räume der früheren Fachschule für Flugzeugbau in Aubing ein. Die Abteilungen waren organisatorisch immer verbunden. Die Leitungen der Abteilungen wurden entweder vom gewählten Dekan/Dekanin oder Prodekan/Prodekanin übernommen.

Abteilung Aubing (Archiv Prof. Dr. Jürgen Sandmann)

1991 kam es zum räumlichen Zusammenschluss der Abteilungen Bogenhausen und Aubing am Campus Pasing.

Campus Pasing (2021) (Archiv Schindler)

Die Studienordnung Soziale Arbeit wurde seit den 1970er Jahren an der Fakultät 11 kontinuierlich weiterentwickelt. Waren die Anfangsjahre noch geprägt durch die Studienrichtungen Sozialarbeit und Sozialpädagogik stand in der Reform der Diplomstudienordnung 1982 die Zusammenführung der beiden Studienbereiche zu einem übergreifenden Diplom Sozialpädagogik/Sozialarbeit im Fokus. Den Studierenden wurde in dem generalistisch geprägten Studienangebot in den Semestern 7 und 8 eine Schwerpunktwahl zur Verfügung gestellt, um sich auf ein spezielleres Gebiet des großen Handlungsfelds der Sozialen Arbeit vorbereiten zu können.

Aktionstag 1983 – Aubing (Archiv Prof. Dr. Jürgen Sandmann)

Parallel zur Hochschule und des Studiengangs entwickelten sich in den verschiedenen Praxisfeldern immer mehr Angebote, z.B. im Bereich der Kinder und Jugendlichen, im Bereich der Sozialarbeit mit Menschen mit einer psychischen Erkrankung, in der Arbeit im Gemeinwesen oder in neuen Einrichtungen der Arbeit mit älteren Menschen zum Teil durch das damals angebotene Sozialpädagogische Projektstudium auch in Verbindung mit den jeweiligen Hochschulen.

2006 wurde das Studium der Sozialen Arbeit auf das Bologna-System Bachelor und Master umgestellt. Aus den Schwerpunkten des Diploms wurden Qualifizierungsbereiche und die letzte Änderung des Bachelorstudiengangs Soziale Arbeit begann diesen Oktober (2021) – genau 50 Jahre nach dem Start des ersten Studienjahrgangs 1971.

Ab dem Wintersemester 2016/2017 haben sich Studierende auf den Weg gemacht, Zeitzeugen der letzten 50 Jahren zu finden und diesen Fragen zu verschiedenen Themen zu stellen, um sich durch deren Erfahrungen ein Bild über die Herausforderungen der letzten 5 Jahrzehnte zu machen.

Wichtig war den Studierenden dabei herauszufinden, wie alles begann. Welche Dimension spielte die politische Perspektive der Profession dabei eine Rolle? Was waren die jeweiligen Themen und Herausforderungen der jeweiligen Zeit? Wie hat sich der Studiengang weiterentwickelt?

Mit Interviewfragen, Kamera und Mikrofon haben sich die Studierenden auf den Weg gemacht, um Antworten von ehemaligen Dozentinnen und Dozenten, Lehrbeauftragten, Praktikerinnen und Praktikern zu bekommen.

Leider hat die Corona-Pandemie die Umsetzung der erarbeiteten Informationen in audiovisuelle Darstellungsformen sehr erschwert und es konnte bisher nur ein kleiner Teil umgesetzt werden.

Wenn Sie aber Lust an einer kleinen Rallye durch den Standort Pasing haben, scannen Sie einfach diesen QR-Code:

Bei Interesse an einen kleinen geschichtlichen Rückblick über den Standort Pasing und einem kurzen geschichtlichen Abriss aus studentischer Sicht, scannen Sie sich durch die jeweiligen Codes:

1907-1916:  Wenn die Wände reden könnten…

1918-1933: Lehrerbildung in der Weimarer Republik

1933-1945:  Nationalsozialismus und 2. Weltkrieg

1968-1970: Soziale Arbeit und Eröffnung der Fachhochschulen

1971-1979: Gründung und Entwicklung der FH München

1980-1992: Proteste der Hochschulen

1992-2003: Umzug der Fakultät 11 nach Pasing

Ab 2008: Entwicklung der Hochschule München

70 Jahre Wiedergründung der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland

Mit einem Festakt würdigte die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland am 31.10.2021 den 70. Jahrestag der Wiedergründung. In seiner Rede konnte Abraham Lehrer (Präsident der ZWST und Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland) nicht nur eine Vielzahl an Gästen begrüßen, sondern auch auf eine vielschichtige Sozialarbeit der ZWST in den 70 Jahren verweisen. Dies betreffe die Integration von Jüdinnen und Juden aus der ehemaligen Sowjetunion ebenso wie die Jugendarbeit, Hilfe für ältere Menschen und den Kampf gegen Antisemitismus. Zugleich gäbe es eine intensive Zusammenarbeit mit den anderen 5 Wohlfahrtsverbänden im Rahmen der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege. Die am Ende von ihm geäußerten drei Wünsche dokumentieren, dass der Zusammenhalt der Gesellschaft nur durch eine starke Soziale Arbeit gesichert werden kann, ebenso wie die Erhaltung jüdischen Lebens ein gesamtgesellschaftlicher Auftrag ist.

(https://www.juedische-allgemeine.de/unsere-woche/drei-wuensche-fuer-die-zukunft/)

Als Festredner betonte auch Hubertus Heil (Bundesminister für Arbeit und Soziales) die Bedeutung der Sozialen Arbeit für die Gesellschaft. Insbesondere die Leistungen, die die Wohlfahrtsverbände in der Pandemiezeit erbracht haben, können nicht hoch genug gewürdigt werden. Hubertus Heil verwies in seiner Festrede mithin auf den Antisemitismus in Deutschland, der der intensiven Begegnung durch Politik, Zivilgesellschaft und demokratischer Institutionen bedarf. Hubertus Heil sicherte seinerseits zu, dass das jüdische Leben und die jüdische Wohlfahrt in Deutschland weiterhin sich der Unterstützung der demokratischen Kräfte gewiss sein können.      

Grußworte sprachen Ulrich Lilie (Präsident der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege), Juliane Seifert (Staatssekretärin im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend) sowie Elke Breitenbach (Berliner Senatorin für Integration, Arbeit und Soziales).

Foto: Sabine Hering

 Anschließend gaben Beate Lehmann und Harald Lordick einen Rückblick auf 20 Jahre Arbeitskreis Jüdische Wohlfahrt, dem auch Gerd Stecklina angehört. Die langjährige intensive und kollegiale Zusammenarbeit mit der ZWST gehört ebenso dazu wie eine Vielzahl an Tagungen, Workshops und Veröffentlichungen zur jüdischen Wohlfahrt. An dieser Stelle sei auf die Herausgabe des Bandes „100 Jahre Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (1917-2017). Brüche und Kontinuitäten“ verwiesen. Die Publikation wurde vom Arbeitskreis in Zusammenarbeit mit der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland und dem Salomon Ludwig Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte an der Universität Duisburg-Essen veröffentlicht, Redaktion: Sabine Hering, Harald Lordick, Gudrun Maierhof, Gerd Stecklina.

Nachfolgend stellte Sabine Hering die Wanderausstellung „Führende Persönlichkeiten aus 100 Jahren ZWST“ vor, die am Abend gezeigt wurde.  

Abgerundet wurde der Abend durch das Nitsan Bernstein Trio sowie einen Empfang. 

Gerd Stecklina

Fachkräftemangel in der Sozialen Arbeit

Jetzt bekommen wir es erneut schwarz auf weiß mitgeteilt: der Fachkräftemangel ist in den Sozialberufen, auch und vor allem in der Sozialen Arbeit am größten.

Hier ein Zitat aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung – online vom 23.10.2021. Dieses spricht für sich:

„Laut Daten des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), die der „Welt am Sonntag“ (WamS) vorlagen, beträgt die sogenannte Fachkräftelücke bei Sozialpädagogen 18.300. Dabei handelt es sich um die Differenz aus Stellenausschreibungen und Arbeitssuchenden mit einem passenden Profil. Ähnlich groß ist sie demnach bei Altenpflegern (17.900) und Krankenpflegern (16.700).“

https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/konjunktur/fachkraeftemangel-am-meisten-fehlen-sozialpaedagogen-17599393.html (Zugriff vom 24.10.2021)

Auf den Fachkräftemangel hat auch der Präsident der Bundesagentur für Arbeit Detlef Scheele in einem Beitrag für die „Welt am Sontag“ verwiesen.

https://www.deutschlandfunk.de/arbeitsmarkt-ba-chef-scheele-1-2-millionen-arbeitskraefte.2932.de.html?drn:news_id=1314664 (Zugriff vom 24.10.2021),

https://www.welt.de/wirtschaft/article234578098/Personalmangel-Bundesweit-1-2-Millionen-Arbeitskraefte-gesucht.html(Zugriff vom 24.10.2021)

Ausgehend von diesen Zahlen müssen die durch die AG Soziale Arbeit in den letzten Monaten angestoßenen Initiativen und Diskussionen zum Fachkräftemangel fortgeführt und mit unseren Bündnispartner*innen intensiviert werden.

Gerd Stecklina