Arm sein in einem reichen Land

Gerd Stecklina

Armut ist im Alltag sehr präsent und doch ist sie sehr oft unsichtbar oder wird durch Politik, Medien, Fachöffentlichkeit etc. nur bedingt wahrgenommen.

Umso notwendiger sind die Initiativen und Vereine, die in ihrer alltäglichen Arbeit Menschen in extremen Notsituationen helfen. Ein paar von ihnen wurden durch den Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier am Tag des Ehrenamts am 05.12.2022 ausgezeichnet. Menschen, die sich für Arme und Benachteiligte engagieren und Menschen in Not ein wenig Hoffnung geben.

Ausgezeichnet wurden u.a. Helga Kepper, die seit rund 20 Jahren das Gesicht der Wolfhager Tafel ist, der Initiator des Hamburger Duschbus Dominik Bloh, Catharina Paulsen vom Kieler Verein Hempels (Straßenmagazin Hempels), Peter Reibisch vom Medibüro Kiel – medizinische Behandlung für Menschen ohne Krankenversicherungsschutz.

Das ZDF widmet sich aktuell in der Reihe „Armes reiches Deutschland: Wenn die Arbeit nicht zum Leben reicht“ (ZDF-Reportage) dem Thema, dass Armut kein »Randphänomen« der Gesellschaft ist, sondern auch Menschen in Vollzeitarbeit und Selbstständige betrifft. Die Reihe zeigt auf, mit welchen Problemen Armut verbunden ist (Hunger, Scham, Einsamkeit, Frustration, Perspektivlosigkeit, verletzte Gefühle, Verlust an Selbstvertrauen, keine ausreichende und ausgewogene Ernährung, …). 

Stadt und Raum sehen, verstehen und mitgestalten

Prof. Dr. Ariane Sept neu an der HM und der AG

Von Ariane Sept

Seit Anfang Oktober 2022 bin ich Professorin für Partizipative Kommunalentwicklung und Gemeinwesenarbeit an der Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften der Hochschule München.

Die letzten vier Jahre verbrachte ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS) in Erkner bei Berlin und habe vor allem zu sozialen Innovationen in der ländlichen Entwicklung, insbesondere in strukturschwachen Räumen, geforscht. Dabei hat mich ganz besonders die spezifische Rolle des zivilgesellschaftlichen und ehrenamtlichen Engagements in ländlichen Räumen interessiert. Auch der kontinuierliche Austausch mit Akteuren der Raumentwicklung, im Land Brandenburg wie deutschlandweit, war mir immer ein Anliegen. Als Lehrbeauftragte am Institut für Stadtplanung der BTU Cottbus-Senftenberg hatte ich zudem die Möglichkeit, unterschiedliche Lehrformate von Vorlesung bis zu Projekt und Exkursion durchzuführen.

Am Anfang meines beruflichen Lebens stand ein Studium Stadt- und Regionalplanung an der TU Berlin. Seit 2006 bin ich daher Diplomingenieurin. Nun mag es zunächst erstaunen, dass eine Dipl.-Ing. an einer Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften Professorin wird. Eigentlich aber ist es ganz logisch. Schon während des Studiums und in den ersten Jahren danach habe ich mich vor allem mit benachteiligten Stadtteilen beschäftigt: meine Diplomarbeit behandelte das europäische Programm URBAN in Italien, für ein Interreg-Projekt zu nachhaltiger Stadtteilentwicklung in Südeuropa war ich in der wissenschaftlichen Begleitung der Stadt Rom involviert. Irgendwie war ich dann für einige Jahre freiberuflich in den Bereichen angewandte Stadtforschung und Öffentlichkeitsarbeit tätig. Projekte wie „Kirche findet Stadt“ oder die Auseinandersetzung zum „Umgang mit baulichen Überresten an Orten ehemaliger Konzentrationslager“ haben mich während dieser Jahre geprägt. Im Vergleich zu meinen Kolleg:innen aus den Sozial- oder Geschichtswissenschaften hatte ich jedoch immer ein wenig das Gefühl, dass meine methodischen Kompetenzen beschränkt sind.

2015 ergab sich schließlich die Möglichkeit, am Graduiertenkolleg „Innovationsgesellschaft heute“ am Institut für Soziologie der TU Berlin zu promovieren. Die drei Jahre habe ich für meine Dissertation zu Entschleunigung in Klein- und Mittelstädten genutzt, habe aber auch versucht, nicht nur Hartmut Rosa zu lesen, sondern so viel soziologisches Wissen wie nur möglich aufzunehmen. Vor allem die qualitativen Methoden in möglichst vielen Ausprägungen hatten es mir angetan. Als ich im letzten Jahr an der Uni Botswana online einen internationalen Kurs zum Sampling im qualitativen Stadtvergleich geben durfte, war ich sicher, dass ich mich auch methodisch nicht verstecken muss.

Ich freue mich, dass ich nun meine unterschiedlichen Erfahrungen in Lehre und Forschung an der Hochschule zusammenbringen kann. Da ich erst für diese neue Aufgabe nach München gezogen bin, muss ich zunächst einmal die Stadt und ihre Akteur:innen kennenlernen. Das Explorieren von Stadt ist gleichzeitig wichtiger Bestandteil meiner Lehre, so dass ich schon jetzt auch von Studierenden lerne. Und ein solches gemeinsames Lernen beschreibt vielleicht auch meinen wichtigsten Zugang zur Lehre: mitunter habe ich mehr konkretes Fachwissen, mehr Bücher gelesen, mehr geforscht oder mehr geschrieben, aber den Alltag dieser Stadt – den kennen die Studierenden viel besser als ich.

In diesem Sinne vertrete ich in der Sozialen Arbeit ein sehr kleines Randgebiet, aber auch und gerade in der Gemeinwesenarbeit muss der Blick für und im sozialem Raum geschult sein, um Zugang zu Bewohner:innen zu bekommen und Probleme zu erkennen. Darüber hinaus ist es mir ein Anliegen, in die AG auch Themen einzubringen, die in der Großstadt München im Moment vielleicht weniger präsent sind. Dies betrifft vor allem den demografischen Wandel, den wir in strukturschwachen ländlichen Räumen schon heute mit all seiner Wucht spüren.

Ich freue mich auf viele spannende Gespräche und Diskussionsformate mit den Kolleg:innen, von denen ich sicher noch sehr viel lernen werde! Und ich möchte danke sagen für die freundliche Aufnahme an der Hochschule und in der AG Soziale Arbeit.

Mit anderen Augen – Besuch in Haidhausen

Von Ariane Sept

Am Freitag, 2.12.2022 durfte ich gemeinsam mit drei weiteren Mitgliedern der AG an einer öffentlichen Führung von BISS – Bürger in sozialen Schwierigkeiten e.V. in Kooperation mit dem Freiwilligenzentrum Süd in Haidhausen teilnehmen. BISS bietet neben dem bekannten Stadtmagazin auch Stadtführungen zu Orten, an denen Menschen in Not eine Chance bekommen. Zufällig, beim Lesen des Münchner Wochenblatts 47/2022, war Gerd Stecklina, auf die Veranstaltung unter der Überschrift „Mit anderen Augen“ aufmerksam geworden.

In einer kleinen Gruppe von ungefähr zehn Personen trafen wir uns vor dem Jobcenter in der Franziskanerstraße und bekamen einen umfangreichen Überblick über die unterschiedlichen Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe in München: von Clearinghäusern bis zu Tagestreffpunkten oder Kleiderkammern. Problematisch für Menschen ohne festen Wohnsitz sind immer wieder das Fehlen öffentlicher Toiletten, öffentlich zugängliches Trinkwasser oder fehlende Möglichkeiten Wäsche zu waschen. Das nahegelegene Wohnheim des Katholischen Männerfürsorgevereins konnten wir zwar leider nicht besuchen, wurde aber als sehr erfolgreiche Einrichtung gelobt. Nach etwa einer Stunde bei nasskaltem Wetter draußen waren wir leicht durchgefroren zu Gast in der Teestube „KontakTee“ in der Balanstraße. KontakTee ist eine niedrigschwellige Begegnungsstätte für Menschen mit Psychiatrieerfahrung und psychischen Problemen sowie ein sozialer Beschäftigungsbetrieb. Gegenüber der Teestube betreibt der Verein zudem das Café Plaisir ebenfalls als sozialen Beschäftigungsbetrieb. Besonders empfohlen wurde uns das selbstgemachte Bioeis dort – dafür war es um 18 Uhr dann aber zu spät und irgendwie auch zu kalt.

Auch wenn wir insgesamt nur wenige Meter zurückgelegt haben, wurde viel über die (Un)Sichtbarkeit von Armut im öffentlichen Raum gesprochen. Wohnungslosigkeit ist weit mehr als die öffentlich sichtbare Obdachlosigkeit auf der Straße. Als wohnungslos gilt, wer nicht über eine mietvertraglich abgesicherte Wohnung oder selbst genutztes Wohneigentum verfügt. Seit über zehn Jahren steigt in den deutschen Großstädten die Wohnungslosigkeit kontinuierlich. Im Niedriglohnsektor Arbeitende, Arbeitslose, Menschen mit Erkrankungen oder in persönlichen Notsituationen (bspw. nach einer Trennung) haben auf den umkämpften Wohnungsmärkten oft keine Chance mehr. Da in den letzten Jahren zudem zahlreiche Sozialwohnungen aus der Belegungsbindung gefallen sind, hat sich auch der Bestand an Sozialwohnungen deutschlandweit dramatisch reduziert: von über 2 Mio. im Jahr 2006 auf nur 1,13 Mio. im Jahr 2020 (Statista 2022).

Wohnraumversorgung, Wohnungsbelegung oder Energiearmut sind unmittelbar mit Armut verknüpft, aber nur selten sichtbar. Als Lehrende und Studierende sind wir gefordert, uns in die entsprechenden Debatten in der Stadt einzumischen und „mit anderen Augen“ durch Stadt zu gehen, um möglichst viel Unsichtbares zu sehen und sichtbar zu machen.

Armut und Armutsbericht der Stadt München

Die Praktiker*innen der Sozialen Arbeit sind in der unmittelbaren Arbeit mit den Adressat*innen immer wieder mit dem Thema Armut konfrontiert. Die damit verbundenen Schicksale von Menschen, deren menschliches Leid und soziale Ausgrenzung fordern uns immer wieder heraus, uns dieses Themas anzunehmen, das Thema in den Fachaustausch aufzunehmen sowie im öffentlichen und politischen Raum für dieses Thema uns für die Rechte von armen Menschen und Armen stark zu machen!

Die AG Soziale Arbeit wird sich im Februar 2023 in einem Workshop mit diesem Thema auseinandersetzen. In Vorbereitung des Workshop haben wir verschiedene Initiativen gestartet und Ideen entwickelt.

In Vorbereitung auf den Workshop möchten wir an dieser Stelle auf den vor kurzem erschienenen Armutsbericht der Stadt München aufmerksam machen.   

Gunda Sandmeir und Gerd Stecklina

Umgang der Sozialen Arbeit mit Krisen/Katastrophen – AG Workshop am 28.07.2022

Am Donnerstag, den 28.07.2022 traf sich die AG Soziale Arbeit der Hochschule München zu ihrem immer am Ende des Sommer- bzw. Wintersemesters stattfindenden thematischen Workshop.  Teilnehmende am Workshop waren sowohl Kolleg*innen der AG Soziale Arbeit als auch Studierende der Fakultät.

Das Thema des Workshops war „Umgang der Sozialen Arbeit mit Krisen/Katastrophen“. Als Gast konnten wir Herrn Prof. Dr. Rainer Treptow von der Eberhard-Karls-Universität Tübingen begrüßen, der in einem dialogischen Input verschiedene Aspekte der Thematik problematisierte.

Die Zusammenfassung der Inhalte und Ergebnisse des Workshops wurde freundlicherweise durch Herrn Roberto Beissel (Student, 2. Semester Teilzeit) übernommen! Hierfür vielen Dank! 

Angelika Iser, Norbert Schindler, Gerd Stecklina

Das Gegenteil von katastrophal!?

„Was ist der Auftrag von Sozialer Arbeit bei Krisen und Katastrophen?“

„Ist die Soziale Arbeit zu institutionalisiert und unbeweglich geworden für gute Katastrophenhilfe?“

„Wo sind die Grenzen der Sozialen Arbeit bei Krisen und Katastrophen?“

Das waren Denkanstöße mit denen Lehrende und Studierende der Hochschule München sich am 28.07.2022 zu einem spannenden und auch konträren Austausch trafen. Durch Brezn, selbstgebackenen Kuchen und Kaffee am Morgen und die Kochkünste von Prof.in Dr.in Jutta Schröten zum Mittag, war ein leckerer kulinarischer Rahmen gesetzt.  Es war ein warmer Sommertag, so dass sich die Runde schnell in den Garten des Paoso, der ökumenischen Hochschulgemeinde in Pasing, verlagerte.

Die AG Soziale Arbeit an der HM hat eingeladen. Zu Gast war Prof. Dr. Rainer Treptow (i.R.). Zu den Schwerpunkten seiner Arbeit gehören seit vielen Jahren die Themen Katastrophenschutz und Humanitäre Hilfe. Er ist sich sicher, dass die Soziale Arbeit ihre Rolle in diesen Aufgabenfeldern entlang ihrer tatsächlichen Kompetenzen mehr herausarbeiten, verinnerlichen und in die Breite tragen sollte. Als Referent führte er anhand eines kompakten und abwechslungsreichen Input-Vortrags durch fünf Themenbereiche. Diese wurden (fast) alle im Einzelnen unmittelbar im Anschluss gemeinsam diskutiert.

Es ist ihm gelungen, Katastrophenhilfe von humanitärer Hilfe klar abzugrenzen. Dabei hat er auch seine eigenen Veröffentlichungen kritisch reflektiert und die Fortschritte im eigenen Verständnis verdeutlicht.

An diesem Tag war folgende Unterscheidung essenziell wichtig. Es gibt individuelle Ereignisse, die wir als „katastrophal“ bezeichnen. Wenn wir aber über einen Katastrophenfall sprechen, dann von einer Vielzahl gleichzeitig eintretender Einzelschicksale mit einer zusammenhängenden Ursache.

Dr. Rainer Treptow bot einen guten Überblick über die Klassifizierung von Katastrophen (z.B.: naturbedingte, absichtlich oder fahrlässig menschgemachte, wirtschaftliche), die Architektur von Katastrophenschutz, Katastrophenhilfe und humanitärer Hilfe, rechtliche Rahmenbedingungen und die Einordnung der Profession Soziale Arbeit. Eine Unterscheidung der direkten (primären) und der indirekten (sekundären) Intervention ist ihm dabei wichtig. Vorrangig kann Soziale Arbeit ihre Rolle nur in zeitlich nachfolgender und räumlich entfernter Position finden. Und hier besteht großer Handlungsbedarf.

Uns allen sollte bewusst sein, dass wir von Krisensituationen und Katastrophen in Zukunft immer häufiger und direkter betroffen sein werden. Die Corona-Pandemie (weltweit), der russische Angriffskrieg (international) und das Ahrtal-Hochwasser (national) zeigen dies nur zu sehr und unmittelbar. Die Klimakrise zeigt sich, im Vergleich dazu, noch zu abstrakt, um für ein grundsätzliches und umfassendes gesellschaftliches Umdenken zu sorgen.

Gerade in den Diskussionen wurde deutlich, dass es unterschiedliche Positionen gibt, welche „Aufgaben“ oder welche Rolle die Soziale Arbeit übernehmen kann. Besonders auf eine Inkongruenz zwischen dem Anspruch, wie die Profession wahrgenommen werden möchte und der tatsächlichen Umsetzung in der Lebenswelt an der Hochschule, möchte ich noch kurz eingehen.

Student*innen haben vorgetragen, wie sie den Umgang der Hochschule mit der Krise in der Ukraine erlebt haben. Vor welchen Herausforderungen sie stehen und was sie sich von einer Hochschulgemeinschaft, die nicht nur aus Studierenden besteht, wünschen. Die teilnehmenden Student*innen sind eng mit den ehrenamtlichen Initiativen verbunden, die an den verschiedenen Hochschulen und Universitäten in München entstanden, unmittelbar nachdem Russland die Ukraine angegriffen hat.

Selbstverständlich ist ehrenamtliche Tätigkeit immer freiwillig. Jede und Jeder muss selbst entscheiden, wie, wo und wann geholfen werden kann. Im Idealfall entstehen Hilfsprojekte in Eigenregie genau dort, wo sich Helfer*innen zusammenfinden und diese Hilfe auch benötigt wird. Aber genau die Probleme der Gesellschaft im Bereich ehrenamtlichen Engagements spiegeln sich auch im Kontext der Hochschule. Davor, diese zu sehen und zu reflektieren, sollte sich nicht entzogen werden. Einfach auch, um anhand der eigenen praktischen Umsetzung, ergänzend zur Theorie, zu zeigen, wie es besser gelingen kann. Wie sich Aufgaben von wenigen Schultern auf viele verteilen lassen. Sei es als Multiplikator*in, als Anbieter*in von Raum zur Ideenentwicklung, als Dokumentar*in, als Aufklärer*in, als Ratgeber*in oder Unterstützer*in. Die „Fesseln“ eines modularisierten Studiengangs sind nicht so eng, wie es uns argumentativ manchmal ganz recht ist.

Die Vielschichtigkeit des Austauschs kann an dieser Stelle nicht umfänglich wiedergegeben werden. Viele Denkanstöße müssen fortgeführt und weiterentwickelt werden. Die Lehren aus dem Umgang mit den jüngsten Krisen können gezogen werden.

Es braucht Ideen, wie in Zukunft mit Krisen und Katastrophen umgegangen wird.

Es braucht Expert*innen für die damit einhergehenden sozialen Herausforderungen.

Es braucht ehrenamtliches und zivilgesellschaftliches Engagement, um einen Beitrag zur Verhinderung zu leisten.

Es braucht gute und professionell agierende Sozialarbeiter*innen.

Gute Sozialarbeiter*innen brauchen eine gute Hochschule, die dabei hilft, die notwendigen Kompetenzen zu entwickeln und Probleme zu erkennen und anzugehen.

Im Juli 2022

Roberto Beissel

Student 2. Semester Soziale Arbeit (TZ)

Bedarfe wohnungsloser Frauen mit schweren chronischen psychischen Erkrankungen in München. Ein Lehr- und Praxisforschungsprojekt im Studiengang Soziale Arbeit

von Ursula Unterkofler

Der Frage nach Bedarfen wohnungsloser Frauen mit schweren chronischen psychischen Erkrankungen in München gingen Studierende des Studiengangs Soziale Arbeit an der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften der Hochschule München nach. Das Lehr- und Praxisforschungsprojekt fand in Kooperation mit der Arbeitsgemeinschaft Wohnungsnotfallhilfe München und Oberbayern/Koordination Wohnungslosenhilfe Südbayern statt.

Initiierung des Projekts aus der Praxis

Das Projekt wurde aus der Praxis der Wohnungsnotfallhilfe initiiert, da dort eine konkrete Problemstellung beobachtet und artikuliert wurde: In der täglichen Arbeit in niedrigschwelligen Einrichtungen der Wohnungsnotfallhilfe wurde eine Versorgungslücke bei der Unterbringung und psychosozialen und psychiatrischen Versorgung von wohnungslosen Frauen mit schweren chronischen psychischen Erkrankungen in München festgestellt. Im Münchner Arbeitskreis der Arbeitsgemeinschaft Wohnungsnotfallhilfe München und Oberbayern „Hilfe für Frauen in Not“ wurde dies thematisiert und angeregt, den Bedarfen dieser relativ kleinen, aber deutlich unterversorgten Zielgruppe nachzugehen.

Mit dem Anliegen, eine empirische Basis für die Entwicklung von Angeboten für die Frauen zu generieren, wendete sich Stephanie Watschöder, Fachreferentin in der Koordination Wohnungslosenhilfe Südbayern, im Namen der im Arbeitskreis vertretenen Einrichtungen an mich, Ursula Unterkofler, Professorin für Methoden der empirischen Sozialforschung und Evaluation an der Fakultät. In Zusammenarbeit mit Akteurinnen der Wohnungsnotfallhilfe erarbeitete ich daraufhin ein Konzept für ein Lehrforschungsprojekt in Kooperation mit der Praxis der Wohnungsnotfallhilfe. Es fand im Wintersemester 2021/22 statt und war im Studiengang Soziale Arbeit im Modul „Forschungsprojekt“ verortet. Ziel des Forschungsprojekts war die Beschreibung der aktuellen Situation und des bestehenden Bedarfs in München für die Unterbringung von Frauen, die obdachlos bzw. wohnungslos sind und von schweren chronischen psychischen Erkrankungen betroffen sind, und die auch aus sehr niedrigschwelligen Übernachtungsangeboten immer wieder herausfallen und v.a. nicht längerfristig untergebracht und versorgt sind.

Umsetzung als qualitative Studie

Ich begleitete die Studierenden in enger Kooperation mit unterschiedlichen Praxisstellen der niedrigschwelligen Wohnungsnotfallhilfe bei der Datenerhebung. Beteiligt waren die Bahnhofsmission München (Evangelisches Hilfswerk München und INVIA e.V.), das Frauenobdach KARLA 51 (Evangelisches Hilfswerk München), die Offene Hilfe/Sonderberatungsdienst (Sozialdienst Katholischer Frauen München), der Tagesaufenthalt Otto&Rosi (Arbeiterwohlfahrt München) und die Teestube „komm“ – Streetwork (Evangelisches Hilfswerk München). Die Studierenden befragten betroffene Frauen mit Leitfadeninterviews und ausgewählte Fachkräfte der Sozialen Arbeit und Psychiatrie in Gruppendiskussionen. Die Daten wurden inhaltsanalytisch ausgewertet.

Ergebnisse: Barrieren der Nutzung von Angeboten

Insgesamt zeigt sich, dass aus Sicht der befragten Frauen vielfältige Barrieren bestehen, vorhandene Angebote zu nutzen. Zentrale Beispiele dafür sind:

  • Die Frauen benötigen einen Raum, in den sie sich von allen sozialen Anforderungen (auch von Mitbewohner:innen und Fachkräften) zurückziehen können. Doppel- oder Mehrbettzimmer sind eine hohe Belastung für sie, die sie nicht eingehen. Einzelzimmer oder eigene Wohneinheiten sind notwendig, damit die Frauen die Nutzung von Angeboten in Erwägung ziehen. Der Wunsch nach einer langfristigen Perspektive der Unterbringung bzw. des Wohnens ist sehr stark.
  • Angebote müssen niedrigschwellig zugänglich sein, das bedeutet konkret: Anonymität (auch in Einrichtungen), Unverbindlichkeit (z.B. Reduzierung von Vorgaben zu zeitlichem oder täglichem Erscheinen), flexibler Umgang mit Regeln (oft können die Frauen Regeln auf Grund von Symptomatiken nicht einhalten), sowie gute Erreichbarkeit (auf Grund körperlicher und psychischer Einschränkungen).
  • Die Frauen erleben sich hinsichtlich des Systems der Existenzsicherung und bürokratischer Bewilligungsverfahren eingeschränkt handlungsfähig. Sie sind nicht bereit, Informationen preiszugeben oder Unterschriften zu leisten, auch auf Grund erschütterten Vertrauens in Institutionen und Behörden. Dies führt zu mangelnder Existenzsicherung und Nicht-Beantragung von Leistungen.
  • Vor dem Hintergrund allgegenwärtiger Stigmatisierungserfahrungen im Kontext von Öffentlichkeit, Ämtern und Behörden, Gesundheitssystem, etc. wehren sich die Frauen gegen die Zuschreibung, „psychisch krank“ zu sein und sind sehr zurückhaltend in der Aufnahme von Kontakt zu Fachkräften. Prozesse zur Aufnahme von Arbeitsbeziehungen sind vor diesem Hintergrund äußerst zeitaufwendig, die Frauen wollen nicht angesprochen werden, sondern wollen Kontakt – wenn überhaupt – selbstbestimmt aufnehmen.

Die befragten Fachkräfte betonen darüber hinaus, dass Angebote für die Frauen vor Ort multiprofessionell aufgestellt sein müssen, da die Frauen nicht unterschiedliche Einrichtungen der Sozialen Arbeit, Medizin, Psychiatrie, Pflege etc. nutzen. Zentral sehen sie außerdem den Abbau von Bürokratie, etwa den Verzicht von Unterschriften bei Beantragung von Leistungen und die Etablierung von pauschalen Mischfinanzierungen unter Beteiligung aller Kostenträger auf Grundlage der Zuständigkeiten von SGB II, SGB V, SGB IX und SGB XII.

Ausblick

Die Landeshauptstadt München greift die Studienergebnisse auf, um diese bei der Konzipierung von in Planung befindlichen Angeboten der langfristigen Unterbringung für betroffene Frauen zu berücksichtigen (siehe Pressemeldung der Landeshauptstadt München).

Aktuell ist die Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes auf Landesebene in Bayern in Bearbeitung. Das BTHG sieht für die Eingliederungshilfe eine Antragserfordernis vor. Vor dem Hintergrund der Studienergebnisse ist dringend darauf zu achten, dass in der Umsetzung Lösungen für Zielgruppen gefunden werden, die Zielgruppen der Eingliederungshilfe sind, deren Einschränkungen bzw. (‚seelische‘) Behinderungen aber bedingen, dass sie (vorerst) keine Anträge stellen. Daran arbeitet aktuell die Arbeitsgemeinschaft Wohnungsnotfallhilfe München und Oberbayern, unter Bezug auf die Ergebnisse dieser Studie, welche sie wie oben genannt mit initiiert hat.

Der Forschungsbericht ist hier zugänglich: https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bvb:m347-opus-3870

Hier finden Sie die Pressemeldung der Hochschule München.

Ein Beitrag zur Situation der befragten Frauen wird vsl. am kommenden Samstag, den 9. Juli 2022, auf Bayern 2 in der Radiosendung Bayern 2 am Samstagvormittag ab 09.05 Uhr gesendet.

Veranstaltungen der FG Diversität und Diskriminierungskritik im SoSe 22

Die Fakultätsgruppe Diversität und Diskriminierungskritik lädt ganz herzlich zu einer Veranstaltungsreihe im Sommersemester 2022 ein.

Die Veranstaltungen wurden mit Studierenden entwickelt und geplant, die Teilnahme ist kostenlos.

Das Programm im Überblick:

  • 08.06.: Machtverhältnisse, Sprache, Verletzbarkeit. Online-Vortrag von Zara Jakob Pfeiffer
  • 24.06.: LGBTQI+ Crashkurs. Workshop für Studierende mit Sophia Lukas
  • 08.07.: Zwischen Alltag und Anschlag? – Antifeminismus und Rechtsextremismus. Perspektiven aus Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Beratung. Fachtag
  • 18./19.07.: Social justice Training. Workshop für Studierende

Informationen zu den einzelnen Veranstaltungen und zur Anmeldung finden Sie unter: https://www.sw.hm.edu/aktuelles/veranstaltung/veranstaltungsdetail_31744.de.html

Viele Grüße

Gabriele Fischer und Jan Wienforth für die Fakultätsgruppe Diversität und Diskriminierungskritik

Privatisierung der Hochschullehre- Positionspapier der AGJ

In den letzten Monaten haben wir im Rahmen der AG Soziale Arbeit auch das Thema der Veränderung der Hochschullandschaft in den letzten Jahren diskutiert. Wir möchten in diesem Zusammenhang auf eine Stellungnahme der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe aufmerksam machen.

Gerd Stecklina

Colloquium Soziale Arbeit im Sommersemester 2022

Das diesjährige Colloquium Soziale Arbeit zum Thema „Soziale Arbeit und Sozialpolitik“ setzt sich mit Aspekten der sozialen Sicherung im suprastaatlichen und bundesrepublikanischen Kontext auseinander. Hierbei werden Strukturen auf internationaler, gesamtstaatlicher wie Bundesländer- und kommunaler Ebene ebenso beleuchtet wie Fragen der Finanzierung von Sozialpolitik und Theorien der Sozialpolitik. Für die Vorträge konnten wir renommierte Kolleginnen und Kollegen aus Deutschland, Bayern und der Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften gewinnen.    

Das inzwischen 14. Colloquium Soziale Arbeit findet nach zwei Jahren erstmalig wieder in Präsenz statt. Die Vorträge selbst dauern ca. 45min, daran schließt sich die Diskussion zu den Vorträgen an.

Wir freuen uns auf Ihr Kommen, spannende Vorträge sowie auf eine rege Diskussion. Die Vorträge werden durch die Referentinnen und Referenten verschriftlicht, und erscheinen im Frühjahr 2023 als Sammelband im Verlag BeltzJuventa. Die letzten 3 Veröffentlichungen zum Colloquium finden Sie auf dem Flyer.

Gerd Stecklina

Vernetzungstreffen der Arbeitskreise kritische Soziale Arbeit vom 26.-27.11.2021

von Sebastian Lütgens, Student der Fakultät 11 (sebastian.luetgens@gmail.com)

Am Freitag, den 26.11.2021 sowie Samstag, den 27.11.2021 fand das diesjährige Vernetzungstreffen der Arbeitskreise kritische Soziale Arbeit (AKS) unter dem Thema Transformative Soziale Arbeit und Klimagerechtigkeit statt, welches digital vom AKS Braunschweig/Wolfenbüttel ausgerichtet wurde. Aus München nahmen sowohl Studierende der Sozialen Arbeit sowie der Arbeitskreis Kritische Sozialarbeit München teil. Der Auftakt der Veranstaltung wurde am Freitag mit dem Kollektiv des Konzeptwerks Neue Ökonomie im Rahmen eines partizipativen Eröffnungsabends gestaltet. Der Samstag blieb der Diskussion um die Ausgestaltung einer Postwachstumsökonomie, der Diskussion um die Kolonialität der Natur in der Sozialen Arbeit sowie der Diskussion um einer transformatorischen Sozialen Arbeit als politisches Mandat vorbehalten.