Mit anderen Augen – Besuch in Haidhausen

Von Ariane Sept

Am Freitag, 2.12.2022 durfte ich gemeinsam mit drei weiteren Mitgliedern der AG an einer öffentlichen Führung von BISS – Bürger in sozialen Schwierigkeiten e.V. in Kooperation mit dem Freiwilligenzentrum Süd in Haidhausen teilnehmen. BISS bietet neben dem bekannten Stadtmagazin auch Stadtführungen zu Orten, an denen Menschen in Not eine Chance bekommen. Zufällig, beim Lesen des Münchner Wochenblatts 47/2022, war Gerd Stecklina, auf die Veranstaltung unter der Überschrift „Mit anderen Augen“ aufmerksam geworden.

In einer kleinen Gruppe von ungefähr zehn Personen trafen wir uns vor dem Jobcenter in der Franziskanerstraße und bekamen einen umfangreichen Überblick über die unterschiedlichen Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe in München: von Clearinghäusern bis zu Tagestreffpunkten oder Kleiderkammern. Problematisch für Menschen ohne festen Wohnsitz sind immer wieder das Fehlen öffentlicher Toiletten, öffentlich zugängliches Trinkwasser oder fehlende Möglichkeiten Wäsche zu waschen. Das nahegelegene Wohnheim des Katholischen Männerfürsorgevereins konnten wir zwar leider nicht besuchen, wurde aber als sehr erfolgreiche Einrichtung gelobt. Nach etwa einer Stunde bei nasskaltem Wetter draußen waren wir leicht durchgefroren zu Gast in der Teestube „KontakTee“ in der Balanstraße. KontakTee ist eine niedrigschwellige Begegnungsstätte für Menschen mit Psychiatrieerfahrung und psychischen Problemen sowie ein sozialer Beschäftigungsbetrieb. Gegenüber der Teestube betreibt der Verein zudem das Café Plaisir ebenfalls als sozialen Beschäftigungsbetrieb. Besonders empfohlen wurde uns das selbstgemachte Bioeis dort – dafür war es um 18 Uhr dann aber zu spät und irgendwie auch zu kalt.

Auch wenn wir insgesamt nur wenige Meter zurückgelegt haben, wurde viel über die (Un)Sichtbarkeit von Armut im öffentlichen Raum gesprochen. Wohnungslosigkeit ist weit mehr als die öffentlich sichtbare Obdachlosigkeit auf der Straße. Als wohnungslos gilt, wer nicht über eine mietvertraglich abgesicherte Wohnung oder selbst genutztes Wohneigentum verfügt. Seit über zehn Jahren steigt in den deutschen Großstädten die Wohnungslosigkeit kontinuierlich. Im Niedriglohnsektor Arbeitende, Arbeitslose, Menschen mit Erkrankungen oder in persönlichen Notsituationen (bspw. nach einer Trennung) haben auf den umkämpften Wohnungsmärkten oft keine Chance mehr. Da in den letzten Jahren zudem zahlreiche Sozialwohnungen aus der Belegungsbindung gefallen sind, hat sich auch der Bestand an Sozialwohnungen deutschlandweit dramatisch reduziert: von über 2 Mio. im Jahr 2006 auf nur 1,13 Mio. im Jahr 2020 (Statista 2022).

Wohnraumversorgung, Wohnungsbelegung oder Energiearmut sind unmittelbar mit Armut verknüpft, aber nur selten sichtbar. Als Lehrende und Studierende sind wir gefordert, uns in die entsprechenden Debatten in der Stadt einzumischen und „mit anderen Augen“ durch Stadt zu gehen, um möglichst viel Unsichtbares zu sehen und sichtbar zu machen.

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